Zwischentexte zu Haydns Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze

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Einführung

In der Passionszeit gedenken wir der Sterbensgeschichte Jesu.
Ob unser Tod Ende oder Übergang sein wird, liegt jenseits unserer Lebenserfahrung. Dass er sein wird, ist eine Tatsache, wie das tagtäglich sich ereignende Leben. Bei dem Menschen und Gottessohn Jesus ist das Sterben ein ungewisser Weg, ein Leidensweg am Kreuz.
Im Symbol des Kreuzes überschneidet und versöhnt sich das Irdische mit dem Himmlischen. Das Zeichen des Kreuzes beinhaltet das Leiden und Erleiden, gleichzeitig ist es ein Hoffnungszeichen, dass das Leid im Leben und im Sterben überwunden werden kann.
Glück und Freude entsprechen dem Gegenbild zum Leid. Wie wir das Eine ersehnen suchen wir das Andere zu vermeiden. Die Liebe befähigt uns, die Wechselwirkung und Begegnung mit unterschiedlichen Formen des Glücks und des Leids in unserem Lebensspielraum erfüllend zu gestalten. Der durch den Tod begrenzte Lebensrahmen enthält gleichzeitig die notwendige Aufgabe, diesen zu würdigen. Innerhalb dieses Rahmens begegnen wir unserer Endlichkeit in ihren vollkommenen oder auch unvollkommenen Formen.
Durch die Menschwerdung Gottes ist Jesus in diesem Lebensprozess mit uns verbunden, in den Fragen, den Antworten, der Suche nach den Antworten, mit unseren Freuden und unseren Schmerzen. Die Person Jesus ist erfüllt von der Gottesliebe und der Liebe zu den Menschen. Nicht nur in seinem Leben, auch in seinem Sterben und über den Tod hinaus bleibt diese Liebe sichtbar und zeichenhaft. Die Hinfälligkeit unserer eigenen physischen Existenz wurde vom Menschensohn mit uns geteilt und doch hat Jesus die Wahrheit der Liebe in keinem Atemzug aufgegeben, auch nicht in der Verzweiflung, in der Angst, in der Einsamkeit.
Wir sind in der Gegenwart. Wo finden wir die göttliche Liebe – in uns, im anderen, im täglichen Leben, in den unzähligen Wahrnehmungen der Schöpfung?
Siebenmal spricht Jesus auf seinem Gang zum Tod.
Wie wirken diese Sätze heute? Welche Berührungspunkte finden wir darin für unseren Alltag und unseren Lebensweg? Kann dieses Leben vielleicht schöner oder unser Sterben leichter werden, weil diese Worte uns mit auf den Weg gegeben wurden?
Umfassen ihre Aussagen entscheidende Fragen des Daseins, so gehören sie zum Leben.

Die sieben Worte:
L’introduzione

Schlagartig zerreißt die Wirklichkeit
die voranschreitende Zeit.
Das Herannahen des Todes.

Gleichzeitig

Wie kostbar und schön alles sein kann,
vor der Sprachlosigkeit des Todes.
Immer wieder steigt Hoffnung auf
oder fast lässt der Schmerz die Hoffnung im Stich.

Sonata I
Pater, dimitte illis, quia nesciunt, quid faciunt

(Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun)

Das erste Wort, das alles vorwegnimmt
der erste alles ent-scheidende Schritt:
un-bedingte, erlösende Liebe.

Von Kindern glauben wir zu wissen, dass sie nicht wissen, was sie tun, es auch nicht wissen können, weil sie das Wissen noch nicht erlernt haben. Je älter der Mensch wird, desto mehr wird erwartet, dass er weiß, was er tut und damit auch die moralischen Kriterien seines Tuns erkennt. Der Mensch, der nicht wissen will, muss wissentlich wegschauen.

Wissen wir?

Frohe Botschaft:
Ich bin nicht gekommen zu richten, sagt Jesus zu seinen Peinigern.
Glaube an die Verwandlungskraft des Bittens im Gebet.
Glaube an die vergebende Liebe.

Hoffnungsvoll über seine Folterknechte gesprochen:
Es kann nicht sein, dass sie wissen!

Indem wir uns hingeben, verzeihen wir.
Indem wir verzeihen, ver-geben wir uns
und uns ist vergeben!

Sonata II
Hodie mecum eris in Paradiso

(Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein)

Was ist das Paradies?

Wer sind wir im Paradies?

Erkennen wir uns dort wieder,
als die, die wir auf Erden waren?
Mit unserem Glauben, unserer Liebe, unserer Hoffnung, unserem Tod…

Braucht es den leiblichen Tod, um das Paradies zu erleben?
Wo öffnet sich hier unser Leben zur paradiesischen Ewigkeit,
die kein Gestern, kein Heute, kein Morgen kennt?

Die Musik drückt es wiederholt aus:
Es wird sein und Du wirst da – Sein!

Sonata III
Mulier ecce filius tuus

(Frau, siehe da, dein Sohn )

Von diesem Wort geht ein besonderes Licht aus.
Ein Satz wie in Stein gemeißelt, Jahrtausende alt.
Ausdruck eines unverrückbaren Wissens.
Ein Bild unzerbrechlichen Heiles der menschlichen Zuneigung.
Es soll ein tragendes Gefühl für das Leben aller Geborenen werden:
Das Sinnbild einer allumfassenden Mutterliebe erfüllt sich in der menschlichen Nächstenliebe.

Aber zunächst ein Bild der Verlassenheit.
Wo ist der gemeinsame Jubel des Palmsonntags geblieben,
und seine treuen Jünger,
jetzt, wo Jesus am Kreuze stirbt?
Der Sterbende ist einsam und auch die Zurückgelassenen können einsam sein.

Die Bewegung des Bildes berührt uns in verschiedener Hinsicht, selbst ans Kreuz geschlagen, wendet sich Jesus den Bekümmerten zu; dieses Einander-Zugesprochensein setzt sich fort, aus dem Verbundensein Einzelner entsteht eine mitfühlende, lebendige Gemeinschaft.
Ein Bild des Trostes: ein paar wenige Zeugen haben den Blick nicht abgewandt, tragen mit ihm das Leid und lassen ihn nicht allein.

Die Liebe kann weit hinausleuchten!
Seid Euch einander der Nächste!

Sonata IV
Deus meus, Deus meus, utquid dereliquisti me?

(Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?)

Hier spricht der Menschensohn.
Angesichts des Todes stellt die Sehnsucht nach Leben alles, auch den Glauben, in Frage.
In der Angst angesichts des Unvermeidlichen.
Ist es die Hoffnung nach Erlösung durch den Tod?

Warum?
Anklage
Laute Anrede, die abbricht, erneut fragt, sich wiederholt, verstummt,
in beschwörender Bitte,
mit kraftloser Stimme,
in der Hoffnung auf eine Antwort.
Auf der Frage bestehen …
stimmlos.

Verlassenheit ist vom Verstummen bedroht.
Die Frage zu wagen, die Frage auszusprechen, bedeutet, auch den Zweifel oder die Verzweiflung als Bestandteil des Lebens oder des Glaubens anzuerkennen.
Und als Sehnsucht nach Antwort auf alle Fragen des Seins.

Der Wunsch nach Antwort ist Ausdruck der Beziehung zu Gott.

Wie könnte die Antwort lauten?

Sonata V
Sitio

(Mich dürstet)

Der Schmerzensschrei!
Der Schrei nach Leben!
Welche Wasser vermögen es, den Durst zu löschen?
Oder mit letzter Kraft geflüstert.

Wie unüberhörbar die Aufschreie der Vielen, die wir überhören…

Wonach dürstet uns?
Jesus’ Hingabe verkörpert seine Antwort und weist uns den Weg: Um zu sein, um ganz zu werden, bedürfen wir der Lebenskraft des Wassers, wir bedürfen der Liebe.

Wonach dürstet uns?
Auch an dem wundesten Punkt unvorstellbarer Schmerzen traut Jesus dem Geschehen der göttlichen Liebe und setzt seinen zeichenhaften, ungewissen Weg am Kreuz fort.

Wie beruhigend, eine Quelle zu wissen, die allen Durst stillen und allen Schmerz heilen mag.

Lieben und geliebt werden …
Uns dürstet!

– die Verwandlung zur Erlösung hin, geschieht sie in Gottes befreiender, unendlicher Gegenwart -?

Sonata VI
Consummatum est

(Es ist vollbracht)

Die letzte und schwerste Lebensaufgabe
Der letzte verlöschende Atemzug
Das letzte Bewusst-Sein
Zerfall
Die schwierigste Verwandlung
Die nächste, die letzte Geburt
Aufbruch in unendliche gemeinschaftliche Freude

Sonata VII
In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum

(In Deine Hände, Herr, empfehle ich meinen Geist)

Im Angesicht des Todes gibt der Mensch mit seinem Ich auch die letzten Zweifel auf.
Der unbeschwerte Geist ist frei.
Letztes Wort
Lebenswort für alle Zeit
Wort des Glaubens
Wort des Vertrauens
Dahingegeben in geöffnete und uns tragende Hände

Il terremoto
(Das Erdbeben)

Das irdische Fundament unseres Lebens, die uns tragende Erde bebt unter unseren Füßen.
Welch eine Erschütterung!
Zeigt uns dieses Beben, wo wir hingehören und wo wir zuhause sind?
Verebbt das Beben, gewinnen wir wieder Boden unter den Füßen.
Der Vorhang zerreißt und gibt die Sicht frei.
Welches Lebensziel wir auch vor Augen haben, können wir unseren Weg als den eigenen annehmen und fortsetzen?
In welchem Licht erscheint er jetzt?
Finden, erkennen und spüren wir auf diesem Weg die allumfassende Liebe Gottes, können wir die Liebe annehmen und auch weitertragen zu unserem Nächsten?
Vernehmen wir darin das Echo anderer Lebenswege?
Unser aller Lebensglück wird bestärkt werden, indem wir auch anderen Lebensworten zuhören.

Copyright © 2020 Albert Rundel
Lektorat: Constantin Post